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Stress im Untergrund

02.12.2017

Die Probleme bei der U-Bahn spitzen sich zu
Ein ganz normaler Tag in der Berliner U-Bahn. „Morgens um 8.30 Uhr war die U3 zwischen Heidelberger Platz und Podbielskiallee wieder megavoll“, berichtet Lothar Münner, der in Spandau wohnt und in Dahlem arbeitet. „Auf dem Rückweg gegen 17.45 Uhr fuhr ich wie oft erst mal ein paar Stationen in die falsche Richtung bis Thielplatz, weil ich dort meist noch einen Platz bekomme, um dann wieder stadteinwärts in einem vollen Zug zu fahren.“ Was bleibe ihm da anderes übrig, als sich in Ironie zu flüchten? „Danke, BVG“, flachst der Pendler.

So wie Münner schwitzen in der Stoßzeit viele Fahrgäste in der Berliner U-Bahn, die Tag für Tag für rund anderthalb Millionen Fahrten genutzt wird. Sie haben nicht nur den Eindruck, dass es über die Jahre in den Zügen immer voller geworden ist, weil es immer mehr Berliner und immer mehr Arbeitsplätze gibt. Sie registrieren auch, dass die Züge nicht länger, sondern zum Teil kürzer geworden sind – offensichtlich, weil Wagen fehlen oder ausfallen.

„S-Bahn 2.0 reloaded“

Auch das hat Lothar Münner notiert: „Auf der U3 werden Kurzzüge eingesetzt – und das schon seit Monaten. Vor allem zu Semester- und Schulbeginn sind die Züge richtig knackig voll. Insbesondere zwischen 8 und 10 Uhr, wenn die Studenten zur FU fahren, und abends zwischen 17 und 19 Uhr, wenn es zurück geht“, vermerkt der Pendler.

Es sind Einschätzungen, die in der Verkehrsverwaltung geteilt werden. „Die derzeitige Qualität des Angebots der U-Bahn wird aufgrund von Einschränkungen bei Kapazität, Zuverlässigkeit und Stabilität als nicht durchgehend zufriedenstellend bewertet“, sagt Matthias Tang, Sprecher der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne).

„Eine katastrophale Entwicklung“

Das ist zweifellos sehr höflich formuliert. Insider geben weitaus deutlichere Einschätzungen ab. „Es ist auch mein Eindruck, dass sich die Fahrzeugsituation bei der U-Bahn offenbar zuspitzt – aber niemand will das zugeben“, sagte ein Branchenkenner. „Das Ergebnis wird dann zu Lasten der Fahrgäste ausgetragen: regelmäßig Kurzzüge oder ganz ausfallende Züge, die dann zu deutlichen Unregelmäßigkeiten auf der ganzen Linie führen.“

„Eine katastrophale Entwicklung und eine Geschäftsleitung, die mit der Krise nicht umgehen kann“, ist die Bilanz des Berliner Fahrgastverbands IGEB. „Was wir nicht verstehen, ist, dass die BVG in dieser Situation eine Weihnachts-U-Bahn fahren lassen will“, sagte Sprecher Jens Wieseke. Es wäre wichtiger, endlich wieder einen ordentlichen regulären Betrieb hinzubekommen.

„Misswirtschaft und Angst“

Einige BVG-Techniker sprechen inzwischen von einer Situation wie einst bei der S-Bahn. Weil bei der S-Bahn an der Instandhaltung gespart und erfahrenes Personal vergrault wurde, kam es von 2008 an zu immer mehr Ausfällen – bis der Betrieb ein Jahr später zusammenbrach.

„Nun ist es fast so weit, der geflügelte Satz S-Bahn 2.0 reloaded nimmt innerhalb der gesamten BVG Gestalt an“, hieß es in einem anonymen offenen Brief, den eine bis dato nicht bekannte „Interessengemeinschaft“ versandt hat. Nach außen trete die BVG cool, hip, schick auf – die Kampagne „Weil wir Dich lieben“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Doch intern laufe vieles nicht rund, ist von „Misswirtschaft und Angst“ die Rede. „Es wird kaputt gespart, bis fast nichts mehr geht.“

Laufleistung von 80.000 Kilometern

Auch in der Bahnbranche beobachtet man die Lage in Berlin kritisch. Schon seit langem würden U-Bahner darauf hinweisen, dass die Fahrzeugflotte überaltert ist, hieß es dort. Alle Züge müssten höhere Leistungen bringen als geplant – was zu höherem Verschleiß führt.

Züge, die für eine jährliche Laufleistung von 80.000 Kilometern konzipiert wurden, legten nun 110.000 Kilometer pro Jahr im Fahrgastbetrieb zurück. „Nur die Tatsache, dass ältere Züge zu West-Berliner Zeiten konzipiert und gebaut worden sind, als viele Fahrzeugteile mit großzügigen Reserven geplant wurden, macht solche belastenden Einsätze möglich“, sagte ein Ingenieur.

Leistung um elf Prozent gestiegen

Doch obwohl die Zahl der Fahrgäste steigt, ist die Zahl der U-Bahn-Wagen seit 2007 von 1 312 auf 1 244 gesunken. „Verstärkerfahrten, wie es sie früher zum Beispiel nach Hertha-Spielen gab, sind inzwischen ein Fremdwort“, so der Beobachter. Im Oktober 2017 fielen 2,8 Prozent der U-Bahn-Fahrten aus, oder sie waren um mehr als zehn Minuten verspätet – früher gab es so hohe Unregelmäßigkeitsquoten nicht.

Um die tatsächlichen Verhältnisse der Wirklichkeit anzupassen, hat das Landesunternehmen inzwischen damit begonnen, den Fahrplan zu reduzieren. „Die BVG hat seit dem 18. September auf der Linie U7 den Vier-Minuten-Takt in der Hauptverkehrszeit auf einen 4,5-Minuten-Takt reduziert, um die Stabilität und Verlässlichkeit des U-Bahn-Angebotes zu erhöhen“, sagte Verwaltungssprecher Tang. Dies habe der Senat akzeptiert – „wegen der Rahmenbedingungen“.

Zahlreiche Züge zur Hauptuntersuchung

Bei der BVG redet man nicht lange darum herum. Ja, die U-Bahn habe Probleme, heißt es dort. Doch es sei müßig, dafür immer wieder den früheren Sparkurs des Senats in Feld zu führen. Das Sparen war aus damaliger Sicht verständlich, weil es Berlin damals schlecht ging.

„Eigentlich haben wir genug Wagen“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Aber zu viele seien nicht einsatzfähig – aus unterschiedlichen Gründen. Reetz zählte einige auf: „Bei einem U-Bahn-Typ, der Baureihe HK, müssen zahlreiche Züge zur Hauptuntersuchung.“ Eine andere Baureihe namens IK 15 müsse eine Rollkur für die Türen absolvieren – weshalb weitere Züge aus dem Betrieb genommen wurden.

Licht am Ende des Tunnels

Dann ist da noch die Jahreszeit: „Im Herbst fällt Laub auf die Strecken, die außerhalb von Tunneln verlaufen. Auf den Blättern kommen Räder ins Gleiten. Flachstellen entstehen, die zu beseitigen sind.“ Wenn die BVG weiterhin alle U-Bahn-Linien befahren will, kämen die Planer nicht darum herum, Züge zu kürzen – wie etwa auf der U3.

Tag für Tag gebe es neue Herausforderungen für die Techniker – während Berlin wächst und die Züge immer mehr Kilometer zurücklegen müssen. „Allein in diesem Jahr hat die U-Bahn ihre Verkehrsleistung um elf Prozent erhöht“, sagte Reetz. Immerhin: Stadler Pankow liefert neue U-Bahn-Wagen – 44 in diesem Jahr, ab April 2018 weitere 108. So gesehen gibt es etwas Licht am Ende des Tunnels.

Autor/Agentur: Peter Neumann
Quelle: Berliner Zeitung
Medium: Tageszeitung
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