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Wieder Pannenserie bei der Berliner S-Bahn

09.11.2017

Einschränkungen durch marode Gleise, defekte Züge und Signalstörungen treffen Zehntausende Pendler in Berlin.
Berlin. Schaden am Zug, Weichenstörung, Signalausfall. Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem S-Bahn-Nutzer nicht irgendwo stranden. So sind am Donnerstag Zehntausende Pendler zu spät zur Arbeit gekommen, weil im morgendlichen Berufsverkehr ein Zug mit Defekt in Baumschulenweg liegen blieb. Gleich sieben S-Bahnlinien waren fast zwei Stunden lang von teils erheblichen Einschränkungen betroffen.

Noch schlimmer war die Lage für viele Fahrgäste am Mittwoch, als gleich eine ganze Pannenserie für Zugausfälle und Verspätungen sorgte. Der Tag begann mit "einer Störung am Gleis" in Lichtenberg, die den Verkehr auf den Linien S5 und S7 behinderte. Es folgte eine Signalstörung auf der Ringbahn zwischen Storkower und Greifswalder Straße (betroffen S41, S8, S85 und S9), eine Signalstörung auf der Stadtbahn zwischen den Stationen Tiergarten und Bellevue (S3, S5, S7), eine Weichen­störung in Hoppegarten (wieder die S5) und eine weitere Weichenstörung in Waidmannslust (Linien S1 und S85). Der Berliner Fahrgastverband Igeb bestätigte den Eindruck, den viele S-Bahn-Kunden derzeit haben. "Die Situation ist wirklich schlecht, da gibt es kein Vertun", sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke der Berliner Morgenpost. Und: "Wir können nur hoffen, dass in den nächsten Tagen nicht noch Schneetreiben dazukommt." Auch beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) ist man mit der aktuellen Angebotsqualität sehr unzufrieden. "Es häufen sich derzeit Zugausfälle und Verspätungen", bestätigte VBB-Geschäftsführerin Susanne Henckel.

Der Fahrgastvertreter sieht dafür ein ganzes Bündel von Gründen. Nicht alle davon würden dabei in direkter Verantwortung der S-Bahn liegen. "Ein Großteil der Probleme ist durch Infra­strukturmängel bedingt", so Wieseke. Für den Zustand der Gleise, Signalanlagen und der Bahnhöfe sind nicht die Verkehrsunternehmen, sondern die bundesweit agierenden Bahntöchter DB Netz und DB Station&Service zuständig. Beide Unternehmen haben zwar in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in die Modernisierung der Anlagen auch in Berlin investiert. Doch im Alltag kommt es selbst bei erneuerter Technik häufig zu Ausfällen, wie die zahlreichen Meldungen über Signalstörungen belegen. So war laut S-Bahn am Mittwoch das erst 2012 in Betrieb genommene elektronische Stellwerk Frankfurter Allee wegen "eines Hardwaredefektes" gestört, was den Ausfall von gleich acht Signalen auf der Ringbahn zur Folge hatte. "So etwas hat natürlich auf der dicht befahrenen Strecke erhebliche Auswirkungen", sagte der Sprecher.

Zu wenige Fahrzeuge wegen Problemen mit Ersatzteilen

Doch auch bei der S-Bahn selbst läuft längst nicht alles rund. Das Hauptpro­blem: Es sind nicht ausreichend Fahrzeuge einsatzbereit. "Im Durchschnitt fehlen pro Tag 13 Viertelzüge", sagte VBB-Sprecherin Elke Krokowski. Die Reserven würden aktuell bei null liegen. Ein Grund dafür sind akute Ersatzteilprobleme. So müssen nach einer bestimmten Laufzeit die Räder und Achsen der S-Bahn-Wagen ausgetauscht werden. Doch nach einem Lieferantenwechsel und einer verspäteten Auftragsausschreibung sind nicht genügend Teile da. Etwa 30 aus je zwei Wagen bestehende Viertelzüge warten noch auf den Radsatztausch und können nicht fahren. Dazu kommen Ausfälle nach den jüngsten Herbststürmen. Züge "im niedrigen zweistelligen Bereich" sind etwa wegen kaputter Frontscheiben nicht fahrbereit.

Auch die S-Bahn Berlin GmbH spricht von einem "aktuell unbefriedigenden Niveau". Gemeinsam mit der DB Netz AG werde versucht, die Lage zu stabilisieren. Zudem gebe es ein 50-Maßnahmen-Paket, um Wagen älterer Bauart für den weiteren Einsatz zu ertüchtigen. In letzter Zeit würden sich allerdings auch Störungen häufen, die "auf mutwillige Beschädigungen" zurückzuführen sind, so der S-Bahn-Sprecher. Funktionieren etwa die Türen nicht, muss oft der gesamte Wagen aus dem Verkehr gezogen werden.

VBB-Chefin: S-Bahn muss besser informieren

Nicht nur die vielen Ausfälle und Verspätungen, auch die unzureichende Information bei Störungen sorgt bei vielen Kunden der S-Bahn derzeit für Unmut. "Die Fahrgastinformation entspricht nicht dem Niveau, das für einen modernen großstädtischen S-Bahn-Betrieb zu erwarten ist", sagt auch Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Die Probleme seien bereits seit Jahren bekannt, geändert habe sich bislang allerdings nur wenig. Die VBB-Chefin hat die S-Bahn daher aufgefordert, konkrete Maßnahmen zu benennen, mit denen die Fahrgastinformation speziell im Störungsfall verbessert wird.

Die Bahntochter hat in den letzten Jahren systematisch die Aufsichten von den Bahnhöfen abgezogen. Lediglich 19 der 166 Stationen sind noch ständig mit Personal besetzt. Mit neuen Anzeigen und besserer Lautsprechertechnik sollte sich die Information der Fahrgäste nicht verschlechtern, sondern sogar verbessern, versprach die S-Bahn. Die Realität sieht jedoch gerade bei Betriebsstörungen oft anders aus. "Die Anzeigen sind häufig falsch, Lautsprecherdurchsagen fehlen ganz", fasste VBB-Sprecherin Elke Krokowski die jüngsten Fahrgastbeschwerden zusammen.

Eine gute Nachricht gab es am Donnerstag dann wenigstens für die Zehntausenden Pendler, die im Nordosten noch bis 4. Dezember unter baubedingten Unterbrechungen der S2 und S8 leiden. Wie die Berliner Wasserbetriebe mitteilten, ist die Autobahnabfahrt Pasewalker Straße (A 114) in Pankow ab Freitag wieder befahrbar. Sie war nach einem Schaden an einer die Autobahn unterquerenden Trinkwasserleitung am 21. Oktober gesperrt worden. Mit dem Ende der Baustelle verbessere sich auch die Situation für den Schienenersatzverkehr, der über die A 114 geführt wird.

Autor/Agentur: Thomas Fülling
Quelle: Berliner Morgenpost
Medium: Tageszeitung
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